Riva Yacht
Es reicht schon, sie nur zu sehen, am Gardasee-Ufer oder an einer Riviera-Promenade entlangschlendernd, um ihre Faszination zu verstehen. Das schlank zulaufende Heck, das betörende Cockpit, die unnachahmliche Eleganz der Linienführung – wem schleicht sich da nicht ein Seufzer ins Herz? Und wenn man sie dann erst hört oder gar spürt, wie sie übers Wasser gleitet – lauernd, jagend, schwebend – und kleine Kräuselwellen durchschneidet, als wäre sie ein Samuraischwert und kaschmirumhülltes Daunenkissen zugleich.

Eine Riva ist ein Meisterstück. Ein Monument des Bootsbaus, des Designs und der Markenführung. Nun mag ein jeder stolz sein auf seine Yacht oder sein Motorboot. Aber bei einer Riva fühlt sich das anders an: Man hat sie nicht einfach gekauft, sie wurde einem zur Obhut anvertraut. Zumindest bei den klassischen Riva-Booten ist das so, denen mit einem Rumpf aus maronenbraunem Honduras-Mahagoni-Holz, mit Panorama-Windschutzscheibe und Polstern in edlem Creme oder kühlem Türkis. Die zeitlos-schönen Ikonen aus der Riva-Werft in Sarnico am Iseosee, dem kleinen Bruder des Gardasees, gelten bis heute als die Königinnen der Runabouts, also jenem Typ rasanter offener Sportboote, der ursprünglich gar nicht aus Europa stammt, sondern aus den USA. Dort dienten die ersten Runabouts – was übersetzt etwas rotznasig „Rumtreiber“ heißt, aber auch von den gleichnamigen leichten offenen Pferdekutschen stammen könnte – in den 1920er-Jahren der Huldigung des kurz zuvor erfundenen Außenbordmotors, meist von der Marke Evinrude. Nachdem frühe Exemplare noch mit Pinnensteuerung ausgestattet waren, bauten die dem Geschwindigkeitsrausch nicht abgeneigten und dem Automobilbau zugetanen Amerikaner ihre Sportboote bald mit Lenkrad, Lederpolstern und Windschutzscheibe in bester Cabrio-Manier um. Als Runabout-Pionier gilt John L. Hacker, dessen 1908 gegründete Werft heute als älteste Motorboot-Werft der Welt bezeichnet wird. Der Exzentriker Hacker machte sich ursprünglich einen Namen, als er einem Flugzeug der Gebrüder Wright Schwimmrümpfe anschraubte und somit das Wasserfl ugzeug erfand. Hackers Runabouts waren schiere Kraftbolzen, gipfelnd in einer Bestellung des Königs von Siam, der 1930 nach einem Zwölf-Meter-Sportboot mit damals unvorstellbaren 800 Pferdestärken verlangte.

Ziemlich sportlich war man damals auch schon am Iseosee unterwegs. Die Riva-Werft bestand bereits seit 1842, als sie der Legende nach von Pietro Riva gegründet wurde, weil der sich angeblich vor Aufträgen kaum noch retten konnte, als er nach einem schweren Gewitter auf dem See die stark beschädigten Fischerboote in Rekordzeit repariert hatte. Auch Pietros Söhne Ernesto und Serafi no zeigten ausgeprägtes handwerkliches Geschick und sorgten dafür, dass die Riva-Werft für den Transport- und Fischerbootsbau florierte. Nach dem Tod des Vaters und des Bruders konzentrierte sich Serafi no Riva immer mehr auf Sportund Freizeitboote. Bootsrennen wurden nach den USA auch in Europa ein zunehmender Trend. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden sogar Flugzeugmotoren in Rennboote eingebaut. Für diese frühen Powerboats entwickelte Serafi no Rumpfdesigns, die seine Rivas schneller und laufruhiger machte als die Konkurrenz – und die er selbst für unzählige eigene sportliche Erfolge nutzte. Nach 42 ruhmreichen Jahren übergab Serafi no die Riva-Werft an seinen Sohn Carlo und damit zog in den frühen Nachkriegsjahren der Glamour in die Bootshallen in Sarnico. Carlo Riva verband den sportlichen Ansatz seines Vaters mit einer abermals verfeinerten Liebe zum Detail und zum eleganten Styling – und machte damit das Runabout-Design zu Rivas endgültigem Markenzeichen. Seine zweimotorige 40-Knoten-Tritone, Vorgängerin der legendären Aquarama, besaß auch Fürst Rainier III. von Monaco. Auf dessen Geheiß hin ließ Carlo Riva 1958 einen Tunnel in den Fuß des Grimaldi-Felsens sprengen, um dort fortan bis zu 100 Riva-Pretiosen in den Wintermonaten einzulagern. Bis heute hat Monte Carlo die höchste klassische Riva-Dichte weltweit, noch vor dem Gardasee oder Portofi no. Eine Riva Tritone kostete damals übrigens deutlich über 30.000 D-Mark. Zum Vergleich: Ein Mercedes 300 SL Flügeltürer war da günstiger zu haben.

Die Runabouts von Carlo Riva wurden in den folgenden Jahren zum schwimmenden Inbegriff des mediterranen Jetsets: Brigitte Bardot, Gunter Sachs (er hatte gar drei), Sophia Loren, Sean Connery – bessere Werbeträger gab es damals wohl kaum. Der rasante Erfolg seiner Bootdesigns zwang Carlo Riva schließlich dazu, von der Einzelanfertigung zu einer teilweisen Serienfertigung überzugehen. Die Beplankung mit maschinell vorgefertigten Rumpfhälften ersetzte die vorher zeitraubende Einzelbeplankung. Letztlich verließen bis zu 18 Mahagoni-Gleiter in den 1960er- und 70er-Jahren die Riva-Werft in Sarnico. Und das jeden Tag!
Heute braucht ein weltweit renommierter Riva-Restaurator wie der Hamburger Jürgen Renken, der jüngst die einst von Axel Springer erworbene Tritone 258 wieder zum Leben erweckte, dafür rund drei Jahre. Denn neben der eigenen Kunstfertigkeit gibt es für jedes Bauteil Spezialisten, und deren Zeit ist rar. Etwas mehr als 4.000 Riva-Holz-Runabouts sollen insgesamt gebaut worden sein, ungefähr die Hälfte davon gleiten und betören noch immer.

Seit der Jahrtausendwende gehört Riva zum italienischen Ferretti-Konzern. Mahagoni-Runabouts werden längst nicht mehr gebaut, bereits in den 1990ern ging man zu Kunststoff-Rümpfen über. Doch auch wenn in La Spezia mittlerweile eine zweite Werft errichtet worden ist und sogar Superyachten im Programm sind, steht der Name Riva noch immer für höchste Bootsbauqualität und detailverliebte Geschmackssicherheit, wie man sie gerade im Yachtbau nur selten fi ndet. Beispielhaft lohnt sich ein Blick auf drei aktuelle Modelle, die Rivas moderne Bandbreite und Möglichkeiten augenscheinlich verkörpern: Die Riva Iseo ist eine Hommage an die klassischen Designs der 1950er-Jahre. Sie verfügt aber über moderne Technik bis hin zum integrierten iPad und eine erstaunliche Manövrierfähigkeit. Ein Boot, das auf jedem See unglaubliches Vergnügen bereitet. Die Hochsee geeignete Rivamare schlägt den Bogen zwischen Klassik und Moderne. Der 39-Fuß-Daycruiser ist bereits mit Pantry, WC und Dusche ausgestattet und kann auch mit Joystick gefahren werden. Bei der exklusiven Riva Folgore misst alleine die Flybridge stolze 20 qm. Mit vier Kabinen plus zwei Crewkabinen denkt und lebt man hier bereits in Yacht-Kategorien. Und doch ist es in jedem Detail immer noch eine Riva.