Caralarga – Die Sprache der Fäden
„Handwerk ist nicht nur Ästhetik, es ist eine Haltung. Handwerk ist langsam, unvollkommen, menschlich.“ So beschreibt Ana Holschneider, Mitgründerin und Kreativdirektorin von Caralarga, das Wesen ihrer Arbeit. Ein Satz wie ein Kompass und ein Gegenentwurf zu einer sich immer schneller drehenden, Präzision feiernden Welt, die sich zunehmend vom Greifbaren entfernt. Dass die in Mexiko City geborene Holschneider früher Journalistin war, scheint rückblickend folgerichtig. Schon immer suchte sie nach Geschichten, die über bloße Worte hinausgehen. 2014 betrat sie zum ersten Mal die damals weitgehend stillgelegte Textilfabrik El Hércules in Querétaro und entdeckte zwischen Webstühlen, Nähmaschinen, Staub und Lichtschleiern mit roher Baumwolle umwickelte Spulen – aussortiert wegen kleinster Unregelmäßigkeiten. In diesen Überresten sah sie kein Abfallprodukt, sondern das Alphabet einer Sprache und neuartigen textilen Ausdrucksform. Zusammen mit ihrer Freundin Ariadna García, Pädagogin und heute Geschäftsführerin, und Socorro Gasca, einer intuitiven Kunsthandwerkerin ohne formale Ausbildung, gründete sie Caralarga (mexikanisch: lange Quasten), um diese Sprache zu entwickeln und dem Übersehenen Bedeutung zurückzugeben. Jede der drei Gründerinnen brachte ihre eigene Perspektive ein: Ana das Gespür für Bild und Erzählung, Ariadna das Verständnis für Menschen und Strukturen, Socorro die ruhige Präzision der Hände. Zunächst fertigte die Manufaktur Schmuck an, später dann auch Mode, skulpturale Dekoobjekte, Wandteppiche und raumgreifende Installationen – Arbeiten, die sich zwischen Design und Kunst, Handwerk und Rauminszenierung bewegen. In den letzten Jahren sorgten vor allem textile Raumskulpturen in den Stores großer Modemarken wie Louis Vuitton, COS oder Dior für Aufsehen. Für letztere webte das Caralarga-Team großformatige, cremefarbene Installationen, deren sanft geschwungene Linien Licht in Bewegung setzen.
EIN LAND, EIN MATERIAL, EIN ERBE
Für das Œuvre der Manufaktur spielt der Entstehungsort eine zentrale Rolle: „El Hércules hat uns gelehrt, dass wir keine neue Geschichte beginnen, sondern eine fortsetzen“, so die 43-jährige Kreativdirektorin. Die Fabrik, ehemals eines der bedeutendsten Zentren der mexikanischen Textilindustrie, prägt die Seele der Werkstatt- und Wertegemeinschaft bis heute. Viele der rund 50 Mitarbeitenden sind Nachfahren der damaligen Weber und Spinner. „Es berührt uns, wenn wir sehen, dass Enkel von früheren Fabrikarbeitern jetzt mit uns arbeiten“, erzählt sie weiter. „Sie führen das fort, was ihre Großeltern begannen, nur mit anderen Werkzeugen.“ Die Geräusche dieser Vergangenheit – das Rattern der Maschinen, das leise Gleiten der Fäden, die Stille zwischen zwei Handgriffen – hallen in jedem Stück nach. Mexiko ist für Caralarga nicht Kulisse, sondern Ursprung. Die Formen, Texturen und Rituale des Landes durchziehen jedes Werk, nicht als oberflächliche Folklore, sondern als lebendige Erinnerung. In den Materialien, den Arbeitsabläufen und der Haltung gegenüber der Handarbeit zeigt sich eine tiefe Verwurzelung in der mexikanischen Tradition. Der Umgang mit natürlichen Fasern, die Geduld beim Knoten, das Vertrauen in das Unvollkommene, all das knüpft an eine jahrhundertealte Überlieferung an, die in vielen Regionen bis heute gepflegt wird. Inspiration findet Caralarga nicht in Trends, sondern im Alltag: in lokalen Werkstätten und auf Märkten, in den sanften Farben getrockneter Fasern, im Licht über den Kalksteinmauern von Querétaro oder im Geräusch der Baumwolle, wenn sie zwischen den Fingern nachgibt. Auch die Handwerkskunst der indigenen Kultur fließt in die Arbeit ein, mit großem Respekt, nie als Zitat, sondern als stilles Weiterweben einer gemeinsamen Geschichte. „Wir arbeiten nicht, um zu imitieren“, erläutert Ana Holschneider, „sondern um zu bewahren, was uns geprägt hat.“ So entstehen Stücke, die im Jetzt verankert sind und doch Zeitlosigkeit ausstrahlen. Sie sind modern, ohne sich vom Ursprung zu lösen, Ausdruck eines Erbes, das sich ständig erneuert, ohne seine Herkunft zu vergessen.
IM DIALOG MIT DER FASER
Zum Einsatz kommen vor Ort bezogene Materialien wie roher Baumwollfaden – unbehandelt, ungefärbt und authentisch –, Sansevieria-Fasern aus Yucatán, recyceltes Rinderhorn, Bambus und handgefertigtes Pappmaché. Im Laufe der Jahre hat Caralarga eigene Techniken entwickelt, die ihre Philosophie widerspiegeln: Recuperado steht für das Wiederverwenden von abgeschnittenen Fadenresten und für die Schönheit des üblicherweise Weggeworfenen. Borlas beschreibt das Spiel mit Quasten und Fransen, Mixta kombiniert verschiedene Methoden, während Trenzado das kunstvolle Flechten zu Strängen und Kordeln bezeichnet. Manche Werke sind nur handtellergroß, andere füllen ganze Räume, etwa Wandteppiche, textile Leuchten oder Installationen, die sich wie gewebte Landschaften ausbreiten. Das Material bleibt dasselbe, nur der Maßstab ändert sich. Bei größeren Formaten kommen oft mehrere Methoden zusammen. Manche Objekte erfordern Wochen, manche Monate intensiver Handarbeit bis zu ihrer Fertigstellung.
In der Werkstatt nehmen diese Arbeiten in einem natürlichen Rhythmus Gestalt an, der an gleichmäßiges Atmen erinnert. Jeder Handgriff, jeder Knoten ist Teil eines langen, geduldigen Prozesses. Zuerst wird die Baumwolle gekämmt und sortiert, dann gespannt, gebürstet und geflochten. So entsteht allmählich iterativ eine Form, die zwischen Kontrolle und Zufall schwingt. Jede Arbeit bei Caralarga beginnt mit einem Dialog zwischen Material, Idee und der Hand. Auf den ersten Skizzen, meist grobe Gesten mit Bleistift, deutet sich diese spätere Form nur an. Danach beginnt das Experimentieren: knoten, lösen, neu beginnen. „Wir hören dem Material zu“, erzählt Ana Holschneider. „Es zeigt uns, wann es bereit ist, sich zu verwandeln.“ Dabei hat jedes Material seine eigene Sprache. „Wir arbeiten nicht gegen sie, sondern mit ihr. In ihrer Schlichtheit liegt eine Wahrheit. Sie lehrt uns Respekt und Demut.“ Die Produkte der Manufaktur verzichten auf Glanz, Perfektion, oft auch Farbe und gewinnen dadurch an Präsenz. Kleine Unregelmäßigkeiten sind keine Fehler, sondern Spuren des Lebens. In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz massenweise Bilder generiert und Mode in Wochenzyklen produziert wird, stellt Caralarga eine stille Frage: Was bleibt, wenn man alles Überflüssige entfernt? Für Ana Holschneider lautet die Antwort: die Essenz.
GEMEINSCHAFT ALS FUNDAMENT
Auch Nachhaltigkeit versteht Caralarga nicht als Mode, sondern als Haltung, die unter anderem das zwischenmenschliche Gefüge des Ateliers in den Mittelpunkt stellt. Von Beginn an war es den Gründerinnen wichtig, dass das Projekt mehr bedeutet als die Herstellung schöner Dinge. Die Werkstatt in El Hércules ist ein Ort des Lernens und Teilens. Viele der Kunsthandwerkerinnen wurden direkt in der Manufaktur ausgebildet, einige haben zuvonie in einem gestaltenden Beruf gearbeitet. Wissen wird hier nicht hierarchisch weitergegeben, sondern im konkreten kreativen Dialog, von Hand zu Hand. Mit verschiedenen Initiativen stärkt Caralarga das soziale Gefüge der Region. Flexible Arbeitszeiten für Mütter, faire Bezahlung, Schulungen und
Weiterbildungsprogramme gehören ebenso dazu wie die Unterstützung lokaler Lieferanten und Kooperativen. Ein besonderes Anliegen ist den Gründerinnen die Förderung von Frauen. Wirtschaftlich, aber auch im Selbstverständnis als Trägerinnen kulturellen Wissens. Aus dieser Haltung heraus entsteht eine neue Form von Gemeinwohl: eine Wirtschaft, die auf Nähe, Vertrauen und Verantwortung gründet. „Jedes Stück, das hier entsteht, geht durch viele Hände und erzählt viele Geschichten“, betont sie. Das erklärte Ziel der Manufaktur ist es, dass all diese Hände mit Stolz und Würde arbeiten können.
Und wo soll Caralarga in zehn Jahren stehen? Hat der mittlerweile weltweite Erfolg etwas am Wesen der Manufaktur verändert? Ana Holschneider antwortet ohne Zögern: „Caralarga ist seit jeher ein authentischer Ort, der sich selbst treu bleibt. Und der beweist, dass Schönheit aus den einfachsten Dingen entstehen kann.“
Bildrechte: Jackie Russo Jaquez (Arbeiterin Fäden ziehend, Gründerinnen, Arbeiterin Baumwolle schneidend, Arbeiterin nähend), Luteca (Wandteppich Mitlo)
