Rimac Nevera R

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Mate Rimac ist ein eher leises Phänomen. Der kroatische Ingenieur, Multi-Erfinder und Automobilmanager gibt nicht gerne Versprechen, die er nicht halten kann. Sein jüngstes Modell aus der nach ihm benannten Automobilmanufaktur in der Nähe von Zagreb, der elektrische Hypersportwagen Nevera R, hat gerade 24 Weltrekorde für Straßenfahrzeuge gebrochen. Also alle relevanten.

Sie halten eine Beschleunigung von unter vier Sekunden auf 100 km/h für schnell? Der Rimac Nevera R ist in dieser Zeit bereits über die 200 km/h hinaus. Für die 100 braucht er nur einen Augenblick, exakt 1,72 Sekunden, für die 200 nur 3,95 Sekunden und für die 300 atemanhaltende 7,89 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 432 km/h. Werte nicht von dieser Welt. Und doch erzielt in einem Fahrzeug, das ebenso komfortabel wie alltagstauglich ist: Weit entfernt vom Überrollkäfig-Feuerlöscher-Ambiente karger Rennsportboliden, ist der Rimac eher ein Hyper Gran Turismo. Noch dazu gewinnt der Nevera R nicht nur auf dem Racetrack, sondern auch im Auge des kundigen Betrachters. Das Automobildesign unter der Ägide des Hamburger Designdirektors Peter Heyl und des argentinischen Lead Designers Facundo Elias wirkt wie ein Lovechild aus McLaren und Lamborghini und wurde gerade mit dem Red Dot Design Award 2025 ausgezeichnet. Elias, der aus Argentiniens windumtoster Südmetropole Ushuaia stammt, war lange Zeit bei Lamborghini und hat nun bei Rimac neben der Rasanz auch die Eleganz entdeckt.

Elegant waren Mate Rimacs erste Tüfteleien keineswegs, aber schon früh technisch furios. Noch als Jugendlicher entwarf er den iGlove, einen Robotics-Handschuh als Computer-Interface, der Tastatur und Maus ersetzen konnte. Dafür bekam er internationale Auszeichnungen und meldete eigene Patente an. Als der Motor seines Wagens, eines BMW M3, bei ersten Rennfahrerversuchen in Rauch aufging, begann er diesen in einen e-M3-Elektro-Sportwagen umzubauen, weil er Elektroantriebe früh für standfester und leistungsfähiger hielt. Das war 2008, und noch im selben Jahr gründete er aus der sprichwörtlichen Garage heraus Rimac Automobili im kroatischen Sveta Nedelja.

2011 präsentierte er auf der IAA in Frankfurt den Rimac Concept One, den sein Team von damals acht Mitarbeitern innerhalb von fünf Monaten auf die Beine gestellt hatte. Mit seinem als Technologieträger parallel weiterentwickelten BMW e-M3 stellte Rimac selbst mehrere Beschleunigungs-Weltrekorde für Elektrofahrzeuge auf. Aber es dauerte noch weitere fünf Jahre, bis der erste Rimac Concept One 2016 für eine Million Dollar an einen Kunden ausgeliefert wurde. Zwei Jahre später wird der C Two als nächste Innovation präsentiert und Rimac entwickelt sich neben der eigenen Fahrzeugfertigung immer mehr zum Technologielieferanten für Batterie- und Elektroantriebskomponenten. Porsche und Hyundai beteiligen sich am Unternehmen und neben Großserienherstellern werden auch eigentliche Konkurrenten wie Aston Martin und Koenigsegg beliefert.

2021 wird ein umwälzendes Jahr für Rimac. Die Komponentenfertigung wird im Unternehmensbereich Rimac Technology gebündelt, die Automobilproduktion verschmilzt mit Bugatti zum Joint Venture Bugatti-Rimac, an dem die Rimac Group 55 Prozent und Porsche 45 Prozent halten. Beide Marken bleiben erhalten, Bugatti profitiert technologisch enorm und Mate Rimac wird als CEO auch zum führenden Kopf im elsässischen Molsheim. Im selben Jahr wird auch der Rimac Nevera vorgestellt, der die kroatische Bezeichnung für einen Mittelmeersturm als Namen trägt, der seine Wucht aus Blitzen nährt. Erster Besitzer wird der ehemalige F1-Weltmeister und bekennende Elektro-Enthusiast Nico Rosberg, der ja in Monte Carlo lebt. Ein natürliches Habitat für einen zwei Millionen Euro teuren Supersportwagen.

Die Rimac Group hat heute weit über tausend Mitarbeiter, Mate Rimac ist persönlich mehrere Milliarden Euro schwer und immer noch erst 37 Jahre alt. In diesen Tagen werden die ersten Nevera R an wenige Glückliche geliefert. Die adrenalingetränkte Weiterentwicklung des Nevera, die auf Kundenwunsch erfolgte, hat mit festem Heckflügel und aerodynamischem Feintuning nun zehn Prozent mehr Windschlüpfrigkeit und 15 Prozent mehr Anpressdruck. Hochwillkommen für die Fahrstabilität eines Fahrzeugs, das an jedem der vier Räder über einen Hochleistungselektromotor verfügt, die zusammen 2.107 Pferdestärken leisten. Wie wird da wohl die Zukunft aussehen, kann sie sich noch auf der Straße halten? Mate Rimac ist ins Grübeln gekommen, denn ihm fällt auf, dass Sammler und bestens situierte PS-Aficionados immer öfter wieder zum Analogen greifen, also zum Verbrennermotor. Bugattis neuestes Modell, der Tourbillon, verbindet nicht ohne Grund ein 800-Volt-Hybrid-System von Rimac Technology mit einem klassischen 8,3-Liter-V16-Aggregat. Auch für Rimac selbst schließt der Visionär eine solche Verschmelzung nicht aus, denn wie eine Apple Watch zwar alles besser und genauer könne, so trage eine analoge Manufakturarmbanduhr doch stets den Zauber eines ewigen Wertes in sich.