Captain Future
Mit seiner futuristischen Marke Compass Rose hat der südkoreanische Industrieerbe Jahong Hur für ordentlich Wirbel in der Welt der Elektromotorräder gesorgt – weil er sich als CEO und Chefdesigner nach der Schönheit der Vergangenheit sehnt.
Über Jahong Hur ist in Europa nicht viel bekannt. Der Südkoreaner ist in vierter Generation Nachfahre der Gründerfamilie der GS Group, einem der größten koreanischen Industriekonglomerate. In automobilen Sammlerkreisen jedoch hat er sich als Vater und Chefdesigner des ersten koreanischen Hypercars, des de Macross Epique GT1 mit seinem an Le-Mans-Renner erinnernden Design, einen Namen gemacht. Und nun sorgt er mit Compass Rose für Aufsehen, einer Marke für Elektro-Zweiräder und auf den ersten Blick das Kind von jemandem, der frei denken und es sich auch leisten kann. Vor allem aber ist Jahong Hur ein Romantiker der Fortbewegung, der für sich den Schlüssel zur Zukunft in den Schatzkammern der Vergangenheit gefunden hat: „Das Automobildesign erreichte zwei absolute Höhepunkte, in den 1960er-Jahren und dann erneut in den frühen 1990ern. Damals hatten Designer die Freiheit, Fahrzeuge mit einer klaren und unverwechselbaren DNA zu erschaffen: mit Charakter, Wiedererkennungswert und dem, was ich eine romantische Seele nenne. Moderne Autos sind technisch brillant, aber zunehmend uniform. Die Mobilität, die mich inspiriert, definiert sich aber nicht allein über Technologie, sondern auch über die Urheberschaft. Ein Fahrzeug sollte mit der gleichen Klarheit erschaffen werden wie ein Kunstwerk oder eine Modekollektion. Die Zukunft der Mobilität liegt für mich darin, Identität, Erzählkraft und diesen Sinn für Romantik zurückzugewinnen“, erklärt er im Interview.
Gleichzeitig war der Wechsel von vier auf zwei Räder und die Gründung von Compass Rose für Hur auch das bewusste Zerschlagen des eigenen Elfenbeinturms: „Die Entwicklung eines Hypercars verschlingt immense Ressourcen und wird oft eher als extravagantes Hobby missverstanden, statt als ernsthafte Designleistung anerkannt zu werden. Ich suchte nach einem Weg, mit meiner Philosophie mehr Menschen zu erreichen, und Motorräder boten genau diese Chance.“ Die Elektrifizierung bietet ihm zusätzlichen Freiraum, weil ein Elektromotor weniger Platz braucht als ein Verbrenner. Deshalb können Proportionen und Silhouetten viel radikaler gedacht und umgesetzt werden. „Performance in Elegance“ ist dabei für den CEO nicht nur ein schöner Slogan, sondern auch sein innerer Antrieb, obwohl er ursprünglich in der Motorradwelt gar nicht zu Hause war. „Ich hatte keine große Affinität zur Motorradkultur, sie erschien mir fast ein wenig chaotisch. Das änderte sich schlagartig bei einem Besuch der House-of-Bijan-Boutique am Rodeo Drive in Beverly Hills. Dort sah ich eine atemberaubende Sammlung von Café-Racern aus den späten 1950ern: diese schiere Kraft und Schönheit. Mir wurde klar: Wenn ich jemals ein Motorrad entwerfe, muss es nach ästhetischer Perfektion ohne Kompromisse streben.“
Mit diesem Gedanken entstand das Signature-Modell der jungen Marke mit dem augenzwinkernden Namen „Ciulator“ (Bild unten), das Jahong Hur Anfang des Jahres auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas einer erstaunten Öffentlichkeit präsentierte. Ein über 200 km/h schneller Elektroracer im Stil europäischer Rennmotorräder der 1950er-Jahre, der traditionellen Motorradbau mit modernen Materialien und der Antriebstechnik verbindet, die Jahong Hur für die Zukunft hält. Dabei trifft ein klassischer Rahmen aus ikonischen Reynolds-953-Stahlrohren (und ein Sattel-Meisterwerk aus argentinischem Pferdeleder) auf eine Rennverkleidung aus Carbon statt Kunststoff, mit sechs Lackschichten veredelt. Ein Kunstwerk, dessen Qualität man laut Hur sehen, spüren und fühlen können soll. Auch das zweite Modell ist ein Eyecatcher: „Dandelion“ (Bilder oben) soll wie die Pusteblumensamen des Löwenzahns sanft in die Welt hinausschweben. Ein leichter Elektroflitzer in leuchtenden Farben, dessen Idee bei einem Besuch der Dubai International Boat Show geboren wurde und dessen fließende Formen deshalb an den Bootsbau erinnern. Das dritte Modell wird dann übrigens ein Elektroroller namens „Dami Belle“, der in ersten Renderings aussieht, als ob ihn Sophia Loren gezeichnet hätte.
In Deutschland sind die Compass-Rose-Schönheiten im Moment noch nicht zu haben, aber bald: „Im Laufe des Jahres wird in Barcelona unser erster Stützpunkt in Europa eröffnet und der Launch in Deutschland folgt kurz darauf!“, bekräftigt Jahong Hur. Einem Mann, der seinen Träumen stets eine reale Gestalt in der Zukunft zu geben vermag, glaubt man das gerne.
Bildrechte: Ciulator/PILMOSTUDIO
