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Das Beste entsteht, wenn man sich entscheidet, bei einer einzigen Sache zu bleiben und sie wirklich gut zu machen. Dass das Prinzip trägt, beweist die Erfolgsstoryvon Daniel Hanson. Sein 1989 gemeinsam mit Ehefrau Julie gegründetes Modeatelier in Nottingham fertigt museumsreife Hausmäntel aus prächtigen Stoffen und gilt nach wie vor als erste Adresse für alle, die das Besondere jenseits des Mainstreams suchen. Dem Label, das verschiedene Nobelkaufhäuser und Herrenausstatter beliefert, ist es mit zu verdanken, dass Lifestyle-Publikationen die ehemals für das Tragen in Rauchsalons gedachten Kleidungsstücke als „das ideale Gewand für den Gastgeber zu Hause“ feiern, da es „gleichermaßen stilsicher wie unbeirrt lässig“ ist. Danach gefragt, wie sie es selbst formulieren würden, antworten die Söhne des Firmengründers: „In unserer Heimatstadt Nottingham entwerfen und fertigen wir aus reinen Naturfasern die hochwertigsten Luxus-Morgenmäntel der Welt.“ Julian und Nicholas Hanson führen die Geschäfte gemeinsam mit ihrer Mutter Julie, seit Vater Daniel im April 2019 an Krebs gestorben ist. Ihr Ansatz wirkt jünger und hipper, doch an dem, was die Firma im Innern zusammenhält, hat sich nichts geändert. Wie eh und je produzieren die angestellten Näherinnen und Näher (aktuell sechs) in reiner Handarbeit in der Nuthall Road. Doch seit 2023 sind die Ergebnisse auch in der Londoner Savile Row zu bewundern. Ein paar Gehminuten vom Claridges Hotel entfernt hängen die Prachtstücke aus Seidensamt oder handbesticktem Kaschmir, in denen bis zu 400 Arbeitsstunden stecken.
Die Secondhand-Exemplare, die Daniel Hanson als junger Mann sammelte, waren aus eher bescheidenen Materialien gemacht. Der Adoptivsohn eines anglikanischen Bischofs hatte sich schon früh im Leben mit Näharbeiten von der Familie emanzipiert, ein Fashion-Studium absolviert und als Leiter den Fachbereich Mode an der Nottingham Trent University übernommen. 1988 lernte er auf einer Zugfahrt den damaligen Schlafmoden-Einkäufer von Harrods kennen und verkaufte ihm spontan 40 Hausmäntel, die bis dahin nur in seiner Fantasie existierten. Die Bank verweigerte den Kredit, mit dem er die erforderlichen 110 Meter Top-Kaschmir hätte kaufen können. „Das einzige Geld, das er auftreiben konnte, stammte von meiner Mutter. Es waren ihre Ersparnisse, die sie als Sozialarbeiterin zusammengetragen hatte“, erzählt Julian Hanson. „Ehrlich verdientes Geld für ein ehrliches Unterfangen.“ Bis heute ist die ein Jahr später gegründete Firma schuldenfrei, zu 100 Prozent in Familienbesitz und auf ein einziges Kleidungsstück spezialisiert. „Ein Hausmantel ist ein unbeschriebenes Blatt, das einem alle kreativen Freiheiten lässt“, begründete Daniel die Absolut-Fokussierung vier Jahre vor seinem Tod. Das teuerste Modell schneiderte er aus Vikunja-Wolle für Michael Jackson, das
bekannteste aus Paisley besticktem Kaschmir für Elton John. Zur Hochzeit von Prinz William und Catherine Middleton überreichte
er im Auftrag des britischen Modeunternehmens Turnbull & Asser maßgeschneiderte Exemplare. In „Fluch der Karibik“ sind etliche
Hanson-Kreationen zu sehen, in „47 Ronin“ mit Keanu Reeves gar 265. Catherine Zeta-Jones machte am Set von „Verlockende Falle“ eine Szene, weil sie ihr Film-Exemplar nicht behalten durfte und von Robbie Williams weiß man, dass er gerne mehrere gleichzeitig verschenkt. Judi Dench trägt in der Opening-Szene von „Chocolat“ einen braunen Morgenmantel, den Daniel Hanson später für eine „Riesensumme“ auf einer Wohltätigkeitsauktion versteigerte. Das Modell aus dem Film basiert auf dem klassischen
Schalkragen-Design, dem Markenzeichen des Hauses, und kann so wie alle anderen auf Wunsch nachgeschneidert werden:
aus italienischem Seidensamt, aus schottischem Kaschmir oder englischer Merinowolle – und immer in höchster Qualität.
Während die Preise für die luxuriöse Ready-to-Wear-Kollektion bei etwa 2.000 Euro beginnen und bei etwa 9.200 Euro enden, eröffnen Vikunja-Bespoke-Modelle eine Klasse im fünfstelligen Bereich. In Anbetracht der aktuellen Stoffpreise (bis zu 5.000 Euro pro Meter) kann ein solches Einzelstück problemlos 20.000 oder 30.000 Euro kosten. „Wir können jeden Wunsch auf der Stelle umsetzen“, erklärt der 31-jährige Julian Hanson, der für Sales und Marketing zuständig ist. „Für Filmausstatter oder Stylisten ist das ideal.“ Gemeinsam mit seinem um ein Jahr jüngeren Bruder Nicholas übernahm er die Firma in einem Alter, in dem viele andere noch ihre Bestimmung suchen. Zuvor arbeitete er als Musiker, sein Bruder als Profi-Skateboarder. Beide denken, dass ihnen der Wechsel so gut gelang, weil sie von klein auf in das elterliche Unternehmen eingebunden waren. Als Kinder erledigten sie ihre Schulaufgaben jeden Nachmittag an dem Tisch, an dem ihr Team noch heute arbeitet. „Abgesehen davon wurde uns nichts geschenkt. Wenn wir etwas haben wollten, mussten wir es selbst organisieren – oder nähen.“ Nach der Übernahme eröffneten sie als Erstes einen Onlineshop, den sie als Meilenstein in Sachen Profilschärfung erachten. Dass man ihnen 2022 einen Showroom in der Londoner Savile Row anbot, brachte sie dem Ziel einen weiteren Schritt näher. Sollte der ursprünglich auf drei Monate angelegte Vertrag irgendwann auslaufen, wird Plan B in Kraft treten: die Veranstaltung von Trunk Shows rund um den Globus. Er würde all die Reisen ermöglichen, die sich die Jungunternehmer aktuell nicht gönnen können.
Nicholas, der den Design-Part übernommen hat, lancierte vor Kurzem gemeinsam mit dem ebenfalls aus Nottingham stammenden Modemacher Sir Paul Smith die Kollektion „Behind The Tapestry“, die von alten Wandteppichen inspiriert ist. Die Frage, wie viel Retro sein Neo verträgt, beantwortet er ganz im Sinne seiner Eltern: „Ich sehe die Zukunft optimistisch, doch ich orientiere mich an der Vergangenheit.“ Für ihn spiegelt die Linie eine gemeinsame Vision wider: Schönheit im Ausrangierten zu finden und Verschnittreste in einen neuen Kontext zu setzen. Die Absicht entfaltet ihre Relevanz auf mehreren Ebenen, Ressourcen-Alchemie war den Hansons von Anfang an wichtig. „Keines unserer Kleidungsstücke ist ein Wegwerfprodukt“, erklärt Julie Hanson. „Wie sehr sie geliebt und geschätzt werden, kann man besonders deutlich sehen, wenn die Leute sie nach 20 oder 30 Jahren zur Auffrischung zurückschicken.“ Der Ausbesserungs-Service, auf den die Familie nie verzichten möchte, entspricht der ureigenen Weltanschauung von Daniel Hanson: „Es ist völlig egal, was du im Leben tust. Das Wichtigste ist, verdammt gut darin zu sein.“
Bildrechte: Daniel Hanson/Ashley Bird, Models im Auto/Ki Price
