Chelsea Jean Lamm

Selbst Schreckliches kann den Keim des Schönen in sich tragen. Der visuelle Optimismus von Chelsea Jean Lamms Mode etwa ist letztendlich der Trauer über den Tod ihrer südafrikanischen Großmutter und dem Lockdown zu verdanken. Die Münchner Designerin und ihre Schwester, die bildende Künstlerin Ashley Elizabeth Lamm, nutzten die Isolationsphase, um neuartige Looks zu entwickeln, die einer fantastischen Parallelwelt zu entstammen scheinen. Ihre Stoff gewordenen Eskapismus-Visionen sind poetisch, opulent, bereits international erfolgreich – und kompromisslos analog. Was auf Fotos wie digitale Renderings wirkt – surreal, fremdartig, manchmal fast artifiziell –, entsteht in Wahrheit durch akribische Handarbeit. „Wenn Leute mich fragen, ob meine Kleider KI-generiert sind, antworte ich, dass ich alles selbst mache, dass ich die KI bin“, erzählt die 27-jährige Designerin. „So sieht meine Arbeit eben aus.“

Während der Zeit der Isolation begannen ihre Projekte sich zunehmend zu überschneiden. Nach zweijähriger Zusammenarbeit gründete Chelsea 2022 ihr Label, das auf Instagram viral ging. Der erste Kunde war eine brasilianische Drag Queen, ein Showroom in Los Angeles stellte verschiedene Teile aus, südafrikanische Models ließen sich darin fotografieren und Heidi Klums Erfolgsformat „Germany‘s Next Topmodel“ klopfte zum ersten Mal an.

Die von den Schwestern gemeinsam entwickelte Methode gründet auf einem Prozess, der die Schnittstellen zwischen Kunst, Handwerk und visionärem Selbstentwurf untersucht. Ausgangspunkt sind die Collagen von Ashley. Vor dem ersten Nadelstich durchforstet sie wochenlang Magazine, Zeitungen und Bildbände. Aus Tausenden einzelner Schnipsel entstehen wimmelbildartige Gedankenlandschaften, die dann in England oder in den Niederlanden auf italienische Seide gedruckt werden. Hätte Hieronymus Bosch Paradiese statt Höllen gemalt, wäre er zu ähnlichen Ergebnissen gelangt. Was aussieht wie die bloße Rüsche eines Hosensaums, ist noch dazu eine Sammlung von Augenkrankheiten, ausgeschnitten aus einem alten Medizinbuch. Es kann auch vorkommen, dass Kleider aus Bronzerelikten, Korallen oder Schmetterlingsflügeln bestehen.

Beide Schwestern sagen, dass sie sich anfangs bewusst dafür entschieden haben, in den ersten Jahren nicht an das Verkaufen oder an Kundenwünsche zu denken, sondern sich innerhalb ihrer eigenen Kreativwelt zu bewegen. Die langsame, bedächtige Herstellungsweise ist ein wichtiger Teil davon. Wenn Ashleys Kompilationen auf Seide fixiert sind, führt Chelsea den gestalterischen Prozess weiter. Umgeben von Moodboards, Stoffproben und riesigen Collagen in Plexiglasrahmen, arbeitet sie die Stoffstücke in ihrem Münchner Atelier auf eine Schneiderpuppe auf. „Ich entwickle keine Schnitte im klassischen Sinn, sondern benutze Drapage“, erklärt sie. Dabei wird der Stoff direkt auf einer Schneiderbüste modelliert und fixiert, um Kleidungsstücke zu konstruieren. Die dreidimensionale Methode ermöglicht es, mit den Textilien zu experimentieren und einzigartige Formen und Silhouetten zu entwickeln. So entstehen Modelle, die an Weltraumprinzessinnen, Amazonenköniginnen oder Science-Fiction-Kriegerinnen denken lassen. Selbstbewusste Frauen wie Coco Rocha, Kate Upton und Palina Rojinski lieben den Stil. Es gibt Kleider aus CDs oder mit weit ausufernden Flügeln. Andere erinnern an schillernde Insektenpanzer oder an am Strand angespültes Seegras. In der diesjährigen Staffel von „Germany‘s Next Topmodel“ waren Kleider zu sehen, deren weit ausufernde Paradiesvogel-Schultern aus 2.000 Seiden-„Federn“ zusammengesetzt sind. Es kann vorkommen, dass 10.000 Segmente im Laufe von 2.000 Stunden Handarbeit zusammenfinden. „Ich verliere mich in meiner Arbeit“, sagt Chelsea Jean Lamm. „Und das ist gut so.“

Die Modelle wirken fragil, als würden sie bei einer falschen Bewegung zerfallen, und sind doch erstaunlich robust. Den besten Beweis liefert das von der farbenfrohen Fächertaube inspirierte Kleid „Goura Victoria“. Es überstand nicht nur ein wildes Fotoshooting am Meeresstrand, sondern auch eine intensive Tanzperformance. In einer Zeit, in der Kleidung zunehmend digital gedacht und produziert wird, setzt Chelsea Jean Lamm auf das Analoge, das Haptische, das Intime. Ihre Entwürfe erzählen Geschichten von Fabelwesen, von Kindheitsträumen und von starken Charakteren. Sie machen Mut, mit der Welt neu in Beziehung zu treten, und wirken besonders gut in Museen wie dem Haus der Kunst in München, dem Museum of Art and Fashion in Trieste oder der Helmut Newton Foundation in Berlin, wo die Mischung aus Kunst und Mode, Collage und Selbstinszenierung eine angemessene Deutungsfläche erhält. Demnächst sind in einer Ausstellung in Mailand zwölf Couture-Modelle aus ihrer nächsten Kollektion zu sehen. Eine Ready-to-Wear-Linie in limitierter Auflage ist für September 2026 geplant. Sie wird das Label zugänglicher machen.

In einer Welt, die von Krisen und Leistungsdruck geprägt ist, erinnert Chelsea Jean Lamms visueller Optimismus daran, dass es Kleidungsstücke braucht, die mehr bieten als Funktion. Solche, die – laut oder leise – davon erzählen, wer man sein möchte.

Bildrechte: Nina Zimolong Photography (alle Bilder)
Model: Antonia Julies von Kult Models