Form Follows Fascination
Die Stockholmer Designmanufaktur Humans since 1982 verwandelt Uhren in poetische Kunstwerke – meditativ, faszinierend, technisch brillant. Ihre Werke halten den Moment fest und illustrieren eindrucksvoll, dass Zeit auch Schönheit sein kann.
Wenn Menschen vor unseren Arbeiten stehen, merken wir sofort: Sie sind fasziniert. Die Handys schnellen hoch, die Augen weiten sich – das ist der Moment, für den wir arbeiten“, erzählt Bastian Bischoff. Gemeinsam mit Per Emanuelsson gründete er 2009 in Stockholm die Manufaktur Humans since 1982, die seit nunmehr 16 Jahren die Idee der Uhr neu denkt und dabei die Zeit buchstäblich zum Tanzen bringt. In einer Welt, in der alles schneller tickt, laden die kinetischen Kunstwerke des schwedischen Designstudios dazu ein, hinzusehen und zu staunen.
Alle Uhren bestehen aus einem – je nach Modell unterschiedlich großen – Raster analoger Zifferblätter, auf denen sich jeweils zwei Zeiger synchron bewegen. Gesteuert mittels einer eigens entwickelten Software, entstehen aus diesen Bewegungen wellenartige Animationen, die sich immer wieder neu zusammensetzen, bis sie sich in einem magischen Moment zur Anzeige der konkreten Minute fügen. Danach lösen sie sich wieder auf. So entstehen Choreografien aus Drehungen und Mustern, die in plötzlicher Klarheit münden. Bis zu 30.000 präzise Bewegungsbefehle werden für jede Minute orchestriert. Dank spezieller Sensorik kalibrieren sich die Zeiger automatisch, auch dann, wenn sie versehentlich berührt oder verstellt wurden.
Die beiden Gründer begegneten sich 2008 an der Hochschule für Design und Kunsthandwerk in Göteborg, just in dem Moment, als das Collectible Design z. B. auf den Messen Design Miami oder Art Basel seinen Durchbruch feierte. Damals noch ohne Social Media, aber mit dem Rückenwind des digitalen Zeitgeists. Gleichzeitig entstanden einflussreiche Blogs wie Dezeen und Designboom, die begierig nach Ideen suchten, die die Grenzen zwischen Kunst und Funktion verschieben. Die Manufaktur
Humans since 1982 und ihr Motto „form follows fascination“ traf genau den Nerv jener Phase des Wandels. „Fasziniert zu sein, ist eine menschliche Notwendigkeit“, so die beiden Visionäre, in deren Arbeiten der emotionale Aspekt kein Nebeneffekt, sondern der Kern der Gestaltung ist. Eine These, die gleich ihr erstes ikonisches Werk verkörperte: The Clock Clock. Das Video eines frühen Prototyps dieser Uhr ging auf YouTube viral, Dezeen veröffentlichte es sofort. Über Nacht wurde das Studio zum Gesprächsthema in der digitalen Designwelt. Das erste große Angebot für eine Ausstellung kam 2009 vom London Design Festival. Damals gab es noch kein funktionierendes Uhrenmodell, lediglich ein Konzeptvideo. In aller Eile entstand mithilfe des australischen Ingenieurs David Cox, der heute als CTO das technische Rückgrat des Studios bildet, eine lauffähige Version. Die Einzelteile dafür reisten im Handgepäck nach London, verpackt in Luftpolsterfolie. Mit heraushängenden Kabeln und Motoren sah das Ganze aus wie ein Sprengkörper. Die Sicherheitskontrolle am Flughafen dauerte lange. Doch das Wagnis lohnte sich. Die Präsentation wurde ein voller Erfolg und der Beginn einer langen Erfolgsgeschichte.
Ihre Faszination entfalten die Werke heute in privaten Sammlungen ebenso wie in Museen oder im öffentlichen Raum weltweit. Sie passen perfekt in eine Ära, in der Achtsamkeit Trend ist. In einer Zeit, in der wir von Bildschirmen überflutet werden, sind die Uhren meditative Gegenpole. Sie verweigern die hektische Logik des Sekundenzeigers. Man muss warten, beobachten, dem Rhythmus folgen. „Manche Menschen lieben genau das“, sagt Per. So ist jede Uhr auch ein visuelles Paradoxon: Sie zeigt die Zeit und hält sie doch zugleich an. Statt digitalen Präzisionsvorgaben folgt sie einer poetischen Logik. Sie zwingt nicht zur Orientierung, sondern lädt ein zur Kontemplation. Ohne große Geste, ohne Botschaft. „Unsere Arbeiten wollen nicht belehren, sondern leise verzaubern“, erklärt Bastian. Was sie bedeuten, bleibt dem Blick der Betrachtenden überlassen. „Das ist unser spielerischer Zugang“, ergänzt er. Kein Manifest, kein Pathos, vielmehr eine Einladung zum Staunen. Sie erklären sich sofort, ganz ohne Anleitung zum Verständnis. „Zeit hat heute oft einen negativen Beigeschmack“, so der Designer. „Man hat nie genug davon, sie fliegt, und am Ende stirbt man. Aber wir zeigen: Vergehende Zeit kann auch schön sein. Wie Musik. Wie Tanz.“ Ein Kunstevent, das diese Empfindung besonders fesselnd illustrierte, war eine Kooperation mit dem Klaviermanufaktur Steinway & Sons, bei der ein Pianist am Flügel zur Bewegung der Zeiger improvisierte.
Der Name Humans since 1982 verweist übrigens auf das Geburtsjahr der Gründer – aber auch auf das Menschliche im Design. Die Werke sprechen für sich. Ohne Worte. Mit einem Takt, der nicht drängt, sondern trägt. Und mit Uhren, die für einen Moment die Welt anhalten.
