LAURENTINE PÉRILHOU
Wenn Künstler und Designer nach Inspirationen suchen, wenden sie sich oft dem Urmanuskript der Schöpfung zu: der Natur. Die Makramee-Virtuosin Laurentine Périlhou fand in Südwestfrankreich ihr perfektes Strukturlabor. „Ich liebe es, mit den Bergen, der Tier- und der Pflanzenwelt in Kontakt zu sein“, erzählt sie. Regelmäßige Trips nach Paris gehören dennoch zu ihrem Alltag, denn dort trifft sie wichtige Entscheidungen – und ihre Kunden. Die materialpoetischen Arbeiten der 39-Jährigen bilden Herbaria, Blumen oder Reben mittels mikroskopisch kleiner Knoten ab und wirken fast wie Stickereien. Sie sind in den Schaufenstern von Hermès, Cartier oder Dior zu bewundern, in den Kollektionen von Chanel, Louis Vuitton oder Van Cleef & Arpels oder auf bedeutenden Kunstmessen. Hier wie dort besteht ihre Anziehungskraft darin, dass sie den Betrachter dazu verführen, sich ihnen immer weiter zu nähern. Dass sich die Künstlerin in Wahrheit mit einer Knüpftechnik beschäftigt, die eher mit Wandkunst und Hängeampeln aus den 1970er-Jahren assoziiert wird, erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Laurentine Périlhou gilt als die unangefochtene Instanz im Reich der Knoten. Die Französin ist für ihre innovativen Techniken bekannt und wird als Visionärin wahrgenommen, die die Kunst des Knüpfens neu erfunden hat. „Was mich am Makramee von Anfang an fasziniert hat, ist die Tatsache, dass man nicht unbedingt Werkzeuge braucht“, erklärt sie. Ein charakteristisches Merkmal besteht darin, dass es nur der Geschicklichkeit des Handwerkers bedarf. Es gibt keine Grenzen bei der Wahl des Materials und auch Größen sind verhandelbar. In Périlhous kontemplativen Atelier in Limbrassac, am Fuße der Pyrenäen, entstehen neben kleinen Formaten auch raumgreifende Installationen und Möbel. Interior-Designer haben das Metier und seine Klassenbeste als gestalterische Ressource entdeckt und zählen heute mit zu den wichtigsten Auftraggebern. Vor eineinhalb Jahren baute die begehrte Meisterin an der Rückwand ihrer Werkstatt ein hohes Gerüst, um dekorative Paneele aus Seilen und Leder zu fertigen. Deren Einzelteile maßen circa drei mal sechs Meter und waren als Raumteiler für den Hermès-Shop in Hamburg bestellt. Sie ver- körpern ihr bis dato größtes Werk. Den Grundstein für ihren internationalen Erfolg legten aber viele kleine.
Unmittelbar nach dem Examen reiste die studierte Kunsthistorikerin 2008 ge-meinsam mit ihrem Partner Clément Smolinski per Anhalter durch Chile. In San Pedro de Atacama entdeckten die beiden den Makrameeschmuck des einheimischen Kunsthandwerkers Felipe Andres Alfaros, der sie faszinierte. Im Laufe eines zweimonatigen Stopps ließen sie sich von ihm unterrichten. Während sich Smolinski nach ihrer Rückkehr dazu entschied, Hypnosetherapeut zu werden, schlug Périlhou den Pfad der Knoten ein. Mit immer ungewöhnlicheren Schmuckstücken, in die sie Halbedelsteine einwebte, gewann sie bald Aufträge von Luxuslabels wie Jean Paul Gaultier und Guerlain. „Gaultier wurde auf mich aufmerksam, als ich den Wettbewerb Concours Jeunes Créateurs gewann. Die erste Modeschmuck-Zusammenarbeit für die Prêt-à-Porter-Kollektion lief so gut, dass mir angeboten wurde, zur Haute Couture zu wechseln.“ 2014 gründete sie ein eigenes Unternehmen, 2017 ließ sie ihren Namen als Marke registrieren. Die Firma beschäftigt aktuell zwei Vollzeitangestellte, die intern ausgebildet wurden. Komplexes Makramee, wie es sich etwa der Chef von Balmain Haute Couture im Dezember 2022 wünschte, wird an keiner Schule unterrichtet.
Für Aufregung sorgte auch ein aufsehenerregendes Fransen-Dress für Beyoncé, das Designer Eddy Anemian zum Launch ihres Albums „Renaissance“ orderte. Um eine so besondere Kreation in Makramee zu realisieren, gäbe es für ihn in Frankreich nur Périlhou, sagte er – und, dass er lange auf eine Gelegenheit gewartet habe, um mit ihr arbeiten zu können. Für Beyoncés schwarzes Energy-Kleid aus Seide, Samt, Rayon und Lackleder waren etwas mehr als 450 Stunden Handarbeit nötig. Über 800 Stunden flossen in die Herstellung des wahrscheinlich kostspieligsten Makramee-Objekts aller Zeiten, der Grande-Jeanne-Flasche für die Edition Les Remarquables de Martel. Mit einem Preis von einer Million Euro definiert sie die Koordinaten von Luxus neu. In feine Goldfilamente, die eine Hommage an die Weinrebe formen, sind drei Saphire, ein Diamant und „Cabochons“ aus über 300 Jahre altem Eichenholz eingelassen. Gäbe es eine Definition für flüssige Kunst, fände sie in der Elf-Liter-Korbflasche ihre reinste Ausformulierung. Sie verkörpert nicht nur den Beginn einer neuen Ära, sondern auch ein ultimatives Sammlerstück.
Die Aufnahme der Textilkunst in den gehobenen Designdiskurs reflektiert die Tatsache, dass materielle Intelligenz, überlieferte Techniken und menschliche Handarbeit ins Zentrum des zeitgenössischen Kunstdialoges gerückt sind. Faden, Stoff und Knoten flüstern nicht mehr aus dem Randbereich, sondern sprechen mit Selbstbewusstsein und Kraft in dessen Zentrum. Überzeugende Argumente für die Debatte hat Laurentine Périlhou in ihrer Materialbibliothek in Limbrassac zusammengetragen. Auf flexiblen Spulenregalen reihen sich Leder, Lurex, Stroh und Krokodillederreste auf, dazwischen Baumwolle, Seide, Jute, Nylon, Hanf oder Leinen jeder Dicke und Farbe. Auch eine mit schwarzen Strasssteinen besetzte goldene Kette, die Périlhou als „très couture“ deklariert. Ihre Rolle als Vorreiterin wurde 2024 durch die Aufnahme in den streng selektierten Teilnehmerkreis von Homo Faber, der bedeutendsten Kunsthandwerksmesse Europas, unterstrichen. In den venezianischen Räumen der Michelangelo Foundation waren sechs Teile ihrer Serie Floraison des Souffles (dt.: Blüte der Atemzüge) zu sehen. Die fortlaufende Reihe zeigt scheinbar schlichte Goldfadenpflanzen, die ihre Wurzeln um kostbar wirkende Grundwasserkörper aus blauem Glas schlingen. Die Skulpturen wirken so ausdrucksstark, poetisch und gelassen, dass man stundenlang in sie eintauchen möchte. Die nachhaltige Wirkung entspricht dem Suchprofil zeitgenössischer Sammler, die jünger, digital versierter und werteorientiert sind. Emotion, Authentizität und Storytelling sind ihnen wichtig, überlieferte Grenzen zwischen Kunst und Kunsthandwerk nicht. Laurentine Périlhou glaubt zu verstehen, warum. „Wenn man sich die Zeit nimmt, die Natur zu beobachten und das Gesehene künstlerisch umzusetzen, spricht man meiner Meinung nach eigentlich über Liebe. Und davon kann man nie genug haben.“
Bildrechte: Couture-Dress/Marion Saettele; Hermès Boutique Hamburg/Felix Brueggemann; Porträt/Marion Saupin
