Der Reiz der Feder

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Die Faszination eines Füllers beginnt nicht mit dem ersten geschriebenen Wort, sondern mit dem Moment davor: wenn die Hand den Schaft umfasst, das Gewicht prüft und den Widerstand beim Abnehmen der Kappe spürt. Ein guter Füller verlangsamt nicht, sondern bringt Gedanken auf Linie. Bei der norditalienischen Schreibgerätemanufaktur Montegrappa ist dieser Augenblick seit mehr als einem Jahrhundert Teil der Unternehmensphilosophie: Schreiben als Haltung, als ideale Verbindung von Ästhetik, Fokussierung und Funktion.

Die Geschichte des Betriebes nahm 1912 in Bassano del Grappa ihren Anfang, als dort die erste Füllfederfabrik Italiens eröffnet wurde. Und noch heute ist Bassano die Heimat von Montegrappa. Gefertigt wird nach wie vor an derselben Adresse, am Ufer der Brenta, unter dem Massiv des Monte Grappa. Hier verdichtet sich, was die Marke ausmacht: norditalienische Handwerkstradition und der typisch italienische Sinn für schöne Gebrauchsobjekte. Mit „Reminiscence“ entstand 1915 der erste Füllhalter des Hauses, inspiriert von der Architektur des Glockenturms über dem Werksgebäude. Sein facettiertes achteckiges Profil zählt noch immer zu den klassischen Designs eines Herstellers, dessen früher Erfolg auch mit dem Gespür für den damaligen Zeitgeist zu tun hatte. Denn die Manufaktur traf den Nerv einer Epoche, in der die persönliche Korrespondenz zunahm und neue Materialien wie Zelluloid und Ebonit (hartes vulkanisiertes Gummi) die Füller von Montegrappa zu prestige-trächtigen Designobjekten machten, mit denen sogar Ernest Hemingway oder Queen Elisabeth II . ihre Gedanken zu Papier brachten. Der beständige Erfolg beruht jedoch auf einer anderen Stärke. Montegrappa beherrscht sowohl die Pflicht der Dauerkollektion als auch die Kür der mehrere Tausend Euro teuren Sondereditionen. Die fortlaufenden Linien mit Modellen wie „Reminiscence“ oder „Elmo 02“ haben einen hohen Wiedererkennungswert. Daneben gibt es limitierte Serien, in denen sich das Unternehmen größere Freiheiten erlaubt und mittels emotional aufgeladener, teils exzentrischer barocker Designs Geschichten erzählt. Etwa mit dem Modell „Chaos“, das mit silbernen Totenköpfen und Reptilien überzogen eine skulpturale Haptik hat, oder „The Dragon“ aus Zelluloid, das mit einem opulenten Drachenmotiv auf dem Schaft zu einem Stück narrativer Goldschmiedekunst wurde und in seinem Erscheinungsjahr 1995 für großes Aufsehen sorgte. Der Gipfel des Luxus sind schließlich die „Bespoke“-Füller, maßgeschneiderte Einzelanfertigungen mit Handmalerei, Burin-Gravur, Edelsteinbesatz oder individuell entwickelten Bildmotiven.

Technisch gehen bei Montegrappa Handwerk und moderne Präzisionstechnik Hand in Hand. In Bassano werden digitale Entwürfe, 3D-Modellierung oder CNC-Bearbeitung mit Verfahren verbunden, die aus der klassischen Füllerfertigung stammen. So entstehen viele Schäfte nicht im schnellen Spritzguss, sondern werden aufwendig aus dem Material gedreht. Das verleiht ihnen eine charakteristisch dichte und präzise Haptik. Bei anspruchsvolleren Modellen setzt Montegrappa zudem auf handgeschnittene Tintenleiter aus Ebonit, die den Tintenfluss besonders gleichmäßig regulieren. Und auf das traditionelle Zelluloid, das über Monate trocknen muss und dann entweder auf der Drehbank bearbeitet oder als Blatt um einen Kern gewickelt und weiter ausgehärtet wird. Hinzu kommen anspruchsvolle Veredelungstechniken wie Gravur, Flachrelief und das Wachsausschmelzverfahren, mit denen vor allem die limitierten Editionen ihre plastische Wirkung erhalten.

Das ikonische Design folgt einer eigenen genuin italienischen Logik. Es ist nicht kühl und minimalistisch, sondern elegant und sinnlich. Montegrappa steht für jene Mischung aus handwerklicher Disziplin und Freude am außergewöhnlichen Dekor, die gutes italienisches Produktdesign derart anziehend macht. So erinnert das im Schaftkopf unter Saphirglas geschützte MG-Ambigramm eher an ein herrschaftliches Siegel als an ein Logo. Und mit der kleinen Ruzzolino-Rolle am Metall-Clip – einem feinen Detail, das sich mitdreht und so das Einstecken des Füllers in Hemd oder Etui erleichtert – wurde aus einer praktischen Lösung ein Charakteristikum.

Montegrappa-Füller verbinden Vergangenheit und Gegenwart, und vielleicht liegt genau darin die anhaltende Faszination dieser ikonischen Produkte. Sie nehmen das Schreiben als uraltes menschliches Ausdrucksmittel ernst. Man bringt die Worte mit mehr Aufmerksamkeit zu Papier, weil die Hand mehr zurückbekommt: Widerstand, Rhythmus und Haptik. Das ist kein nostalgischer Eskapismus, sondern eine besonders reizvolle Art, gegenwärtig zu sein.

Bildrechte: Füller „Chaos“/Riccardo Urnato; Gravur-Bild/Juan Carlos Jones